Kolumnen

Wissen teilen – Armut lindern

so lautet das Leitmotiv von Interteam. Die Begegnung mit den Menschen im Süden gibt in jedem Moment auch Impulse für das eigene Lernen und verändert die Sicht der Welt. Diese Impulse möchte ich den Daheimgebliebenen nicht vorenthalten.
Deshalb schreibe ich monatlich eine Kolumne im Wohler Anzeiger. Je mehr wir von der Welt und den Menschen sehen, desto weiter wird unser Herz und unser Verständnis für uns alle auf unserem kleinen Planeten.

Je länger ich in Bolivien arbeite und auch mit den zahlreichen interkulturellen Fettnäpfchen zu tun habe, in die ich immer wieder hineinstolpere, ist mir ein Zitat von Frei Betto, einem brasilianischer Befreiungstheologen wichtig:

‚Con el fin de asegurar una cooperación realmente solidaria, es esencial ejercer la modista. Lo que implica ponerse al servicio del otro, sin ninguna arrogancia ni colonialismo, comprendiendo las diferencias y aceptando que nadie es mejor que el otro, y que cada uno tiene una cultura diferente.‘

… und das selbst dann, wenn ich das Gefühl habe, das oder irgendwer sei jetzt aber sehr kolonial, arrogant, machistisch, …

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Challa – bolivianischer Erntedank
Februar 2015

Normalerweise gehe ich in die Cancha, wenn ich mir einen Film anschauen will, kaufe mir einen für 5 Bolivianos und sehe ihn zu Hause auf meinem Laptop an. Manchmal lässt die Qualität etwas zu wünschen übrig und so beschloss ich, wieder einmal einen Film auf Grossleinwand für 40 Bolivianos zu geniessen. Aus der mageren Auswahl entschied ich mich für die Verfilmung eines Buches von Cheryl Strayed, die nach grossen Lebenskrisen auf dem 4265 km langen Pacific Crest Trail im Westen der USA Heilung von ihren emotionalen Schmerzen suchte. Auf dem Heimweg durch das dunkle Cochabamba – ein Gewitter hatte wieder einmal die Stromversorgung eines Stadtteils lahmgelegt – realisierte ich die Kluft zwischen der Filmgeschichte und meinem jetzigen Lebenskontext. Der Film zeigt wie in unserer abendländischen Kultur Selbstverwirklichung, Autonomie und die Suche nach dem eigenen Lebensglück im Vordergrund stehen, während individualistisches Streben für einen andinen Menschen keinen Sinn ergibt. Viele tausend Menschen im Andenraum wandern wohl im Laufe ihres Lebens diesen Weg an der Pazifikküste der USA etliche Male, um Nahrungsmittel auf den Markt zu bringen und mit anderen Gegenständen auszutauschen, die sie in ihrer Gemeinde (Ayllu) benötigen. Dabei sind sie nicht auf Sinnsuche, sondern einfach eingebunden in ihren praktischen Lebensalltag, der immer wieder gemeinsam gefeiert wird, um Momente des Glücks zu teilen.
Fastnachtszeit ist in Bolivien die Zeit der Erntedankfeste auf dem Land. Auch unsere gemeinsam gepflanzten Agroforstparzellen werden mit Papiergirlanden und Luftballonen geschmückt. Doña Elena, die Besitzerin der Parzelle bestreut alle anwesenden Köpfe mit Konfetti und verteilt den Rest über die gepflanzten Bäume. Sie ist sehr stolz auf die Jungpflanzen und will so für sie sorgen, wie für ihre eigenen Söhne und Töchter. Nach ihrer kurzen Rede übergibt sie ihre Wünsche, die symbolisch auf Teigfiguren dargestellt sind und die Kokablätter glimmender Holzkohle. Starker Rauch entwickelt sich, eine Knallpetarde steigt zum Himmel und sie begiesst die Ränder des Feuers und die Erde mit ihrem selbst gebrauten Maisbier als Ausdruck der Dankbarkeit für die eingebrachte Ernte und der Bitte um eine gutes Gedeihen der neuen Saat. Alle Anwesenden sind jetzt eingeladen, dasselbe zu tun, während ein Akkordeon und eine Trommel zum Singen und Tanzen einladen. Auf diese Weise zelebriert der andine Mensch seine Brückenfunktion (Chakana) zwischen Himmel und Erde und hält so, eine von ihm empfundene kosmische Ordnung aufrecht, für die er sich verantwortlich fühlt und die ihn mit Glück erfüllt, was unschwer aus den Gesichtern zu lesen ist. Gleichzeitig wird damit die Gemeinschaft des Zusammenlebens und der Nachbarschaftshilfe gestärkt, ohne die ein Überleben in den kargen Andentälern nicht sichergestellt wäre.

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Sich auf gleicher Augenhöhe bewegen
Kolumne Dezember 2014

Wie heisst euer König in deinem Land, fragt mich Bauer Don Evaristo im Schatten eines Johannisbrotbaumes. Wir erholen uns gerade vom Bäume pflanzen und kauen Kokablätter, die den Hunger vertreiben und uns die Kraft geben, nach einer Pause ohne Mittagessen weiter zu arbeiten. Wir haben keinen König, antworte ich, die Schweiz hatte nie einen König. Dann seid ihr aber ein sehr armes Land, wenn ihr keinen König habt, meint Don Evaristo. Tatsächlich scheinen Bolivianer einen König, einen Caudillo oder eine Führerfigur zu lieben. Die meisten Präsidenten Boliviens waren denn auch Patrone, die das Land als ihren Besitz betrachteten und nach Strich und Faden ausbeuteten. Der unterschiedliche soziale Status zwischen den Menschen wird bei jeder Gelegenheit betont und es scheint ein Bedürfnis zu sein, diese Unterschiede zu zeigen. Wir mussten einige Bäume pflanzen, bis mich Don Evaristo nicht ständig als ‚Ingeniero’ ansprach. Die Bauern sind es sich gewohnt, dass der ‚Ingeniero‘ alles weiss, alles bringt und alles regelt. Keine Zusammenarbeit auf gleicher Augenhöhe, wie es sich INTERTEAM auf seine Fahnen geschrieben hat und zu einem Schlagwort in der Personellen Entwicklungszusammenarbeit geworden ist. Denn in der Praxis wird vom Fachmann erwartet, dass er die Lösungen kennt, um den Menschen den Weg aus der Armut zu zeigen. Der angebliche Wissensunterschied verstärkt die Haltung des Partners zum Experten aufzublicken, was in meinem Fall noch verstärkt wird, bin ich doch ein bis zwei Köpfe grösser als die Bolivianerinnen und Bolivianer. Auf gleiche Augenhöhe zu kommen, bedeutet, Fachwissen, Werte und Kompetenzen der einheimischen Bäuerinnen und Bauern zu sehen und gleichberechtigt in die Zusammenarbeit zu integrieren. Je länger ich mich mit den andinen Menschen und ihrer Kultur auseinandersetze, desto stärker wird mir bewusst, dass das westliche, kapitalistische und individualistische Entwicklungsverständnis nichts mit der andinen Lebenssicht zu tun hat und ein tödlicher Irrtum. Dieses andine Verständnis von ‚gut Leben‘ hat etwas mit Gerechtigkeit zu tun, das sich in Gleichgewicht und Harmonie mit der ganzen Erde und dem Universum ausdrückt. Für einen Aymara oder Quechua ist klar, dass wenn jemand reicher, besser oder grösser wird, jemand anderer ärmer, schlechter oder kleiner wird, weil alles mit allem verbunden ist. Wachstum im andinen Sinne ist vergleichbar mit der Entwicklung eines Waldes und umfasst den ganzen Lebenszyklus von Geburt zum Tod und Neubeginn. Das Gleichgewicht wird hergestellt durch Teilen und Schrumpfen, was nicht negativ interpretiert wird. Unvermutet komme ich in die Position der zu den Menschen, mit denen ich arbeite aufblicke. Ich realisiere, dass ich mich strecken und lernen muss, um auf gleiche Augenhöhe mit meinen Partnerinnen und Partnern zu kommen.

ECOPOP im Strassengraben
Kolumne November 2014

Eulogia eine Nachbarin in Cochabamba reicht mir kaum bis zur Schulter. Sie wohnt in einem Zelt aus einer blauen Plane, die sie auf der überfüllten Abfalldeponie K’ara K’ara nach einigem Suchen erstanden hat. Die Giebel des Zeltes werden von zwei krummen Akazienästen gebildet und der Boden ist mit einer Wolldecke gepolstert. Sie hat sich ihren Wohnort nicht an der ruhigsten Stelle von Cochabamba ausgesucht, denn sie lebt im Graben zwischen zwei Fahrbahnen einer Umfahrungsstrasse für Lastwagen. Dieser Ort schützt sie in der Nacht vor ungebetenen Gästen, denn ihre Angst vor gewalttätigen Übergriffen und sexuellen Misshandlungen ist gross. Ausserhalb ihrer Wohnung türmen sich die Reichtümer ihrer täglichen Arbeit: Sie sammelt Pet-Flaschen, die sie Recyclingstellen bringt und dafür ein paar Bolivianos als Entschädigung erhält. Mit diesen kann sie Kokablätter gegen den grössten Hunger und manchmal auch etwas Essbares kaufen. Eulogia bettelt nicht, sie möchte sich ihren Lebensunterhalt selbst verdienen. Ihren Mann hat sie in der Zinn- und Zinkmine Colquiri, die damals von der Glencore-Tochter Sinchi Wayra betrieben wurde verloren. Die Miene ist inzwischen verstaatlicht und wenn sich Eulogia im Stimmbüro registriert hätte, hätte sie deshalb wohl auch für Evo Morales gestimmt. Glencore hat sich inzwischen via neuer Tochterfirma Illapa A.G. mit der Regierung Boliviens arrangiert und gibt 55% der jährlichen Gewinnsumme an den Staat ab – eine etwas offensivere Form der Steuereintreibung, als die unauffällige Pauschalbesteuerung des Schweizer Fiskus für solche Unternehmen. Offenbar lohnt sich die Ausbeutung der Erze für Glencore aber dennoch, denn sonst hätte sich das Unternehmen längst aus dem bolivianischen Staub gemacht.
Eulogia hingegen musste nach dem Tod ihres Mannes nach Cochabamba ziehen, denn ohne den Lohn ihres Mannes konnte sie die Miete ihrer bescheidenen Hütte nicht mehr bezahlen. Für Obdachlose ist es in Cochabamba angenehmer, denn hier sinken die Nachttemperaturen nie unter Null Grad. Glücklicherweise gibt es in Bolivien keine Migrationsbeschränkung, die ihre Zuwanderung nach Cochabamba verhindert hat. Grund dafür hätte die Stadtverwaltung mehr als genug, ist doch das Tal von Cochabamba sechsmal dichter besiedelt, als das Schweizer Mittelland. Abgesehen davon dass Eulogia Migrantin ist, scheint sie die Ideale einer ECOPOP Gesellschaft zu verkörpern: Sie hat keine Kinder und benötigt für ihren Lebensstandard gemessen mit dem ökologischen Fussabdruck nur 0.1 ha, während wir es uns in der Schweiz auf 5 ha stilvoll und bequem einrichten. Aber wir haben uns dies ja auch redlich verdient – Glencore sei Dank!

Reichtum im Wald
Kolumne Oktober 2014

Ich vermisse Spaziergänge durch den herbstlichen Wald. Das Fallen der Blätter und ihr Rauschen unter den Füssen, Nebelschleier und die Stille des Waldes vermittelten mir ein Gefühl der Geborgenheit nach der Geschäftigkeit des Sommers.
In den andinen Tälern Boliviens finde ich diese Stimmung kaum: Es gibt nur wenige Flecken von Eukalyptus und Föhrenwäldern, die zwischen 1984 und 1999 mit rund 12 Millionen Schweizer Franken durch die DEZA aufgeforstet wurden. Mit diesem Geld wurden 6’600 ha Wald gepflanzt, Baumschulen mit einer Produktionskapazität von 600’000 Bäumen eingerichtet und Forstpersonal ausgebildet. Insgesamt profitierten 575 ländliche Gemeinden und rund 21’000 Kleinbauern im Hochland Boliviens von diesen Massnahmen. Heute werden diese Wälder durch ein aufstrebendes Sägereigewerbe vor Ort genutzt, das sich durch diese Aufforstungsmassnahmen etablieren konnte und die Waldfläche hat sich inzwischen auf mehr als 14’000 ha verdoppelt. Die andine Holzproduktion reduziert den Verbrauch von tropischen Hölzern, zudem haben sich in den Föhrenwäldern Pilze entwickelt, die eingesammelt und verkauft werden, was den Familien ein zusätzliches Einkommen einbringt. Diese Aufforstungen werden heute jedoch kritisiert, weil sie keine einheimischen Baumarten sind und nichts zur Verbesserung der Artenvielfalt beitragen. Ursprünglich bedeckten Kewiña-Wälder weite Teile des andinen Hochlandes. Die Kewiña (Polylepis ssp.) ist ein Baum, der über 4’600 m.ü.M. wachsen kann. Zur Zeit der Inkas waren diese Wälder Eigentum des Staates und deren Zerstörung wurde vom mallki kamayoc (Baumschöpfer) hart bestraft, weil schon die Inkas die Bedeutung der Wälder für die Reinigung des Wassers, den Schutz des Bodens vor Erosion und die Bodenbildung erkannten. Unsere Vorfahren kamen erst im 19. Jahrhundert zur gleichen Erkenntnis (Forstpolizeigesetz von 1876), als sie realisierten, dass Gebirgstäler nur mit einem rigorosen Schutz des Waldes bewohnbar sind. Nach der Eroberung des Inkareichs durch die europäischen Kolonisatoren stieg der Holzkonsum stark an. Ein Europäer verbrauchte pro Tag gleich viel Holz wie ein Einheimischer pro Monat. Die Kewiña – Wälder verschwanden innerhalb weniger Jahrzehnte im Schmelzofen von Erzen oder in Form von Kohle und Baumaterial. Die Einführung von Kühen, Schafen und Ziegen zerstörte die von den Inkas entwickelte, an die lokalen Umweltbedingungen angepasste Weidewirtschaft mit Lamas und Alpakas zwischen den Kewiñia-Bäumen. Auf diese Weise ging die alte Landbewirtschaftungsweise vollständig verloren und die Kleinbauernfamilien können heute nicht mehr an diese Kultur anknüpfen, weil sie vergessen ging. Nachdem die andinen Wälder abgeholzt waren, verschwand auch die Humusschicht durch die Erosion des Bodens. Deshalb führten die Spanier den Eukalyptus aus Australien ein, weil dieser Baum auch auf kargen, steinigen Böden schnell wächst. Mit dem steigenden Selbstbewusstsein der Bolivianerinnen und Bolivianer unter der Regierung Morales steigt auch die Bereitschaft wieder einheimische Bäume zu pflanzen und die Wurzeln einer andinen Kultur zu entdecken, die durch die Kolonisation vollständig verschüttet wurde. Genau deshalb stossen wir bei den Bäuerinnen und Bauern mit unseren agroforstwirtschaftlichen Ideen auf offene Ohren: Sie haben den Reichtum der Artenvielfalt wieder entdeckt.

Eine Uhr, die rückwärts geht, gibt zu reden
Kolumne August 2014

Am Präsidentenpalast in La Paz bewegen sich die Zeiger der neuen Uhr an der renovierten Fassade im Gegenuhrzeigersinn und die arabischen Zahlen stehen aus unserer Sicht verkehrt: Dort, wo die 1 steht, ist die 11 platziert, bei der 2 steht die 10 etc. David Choquehuanca begründete das verkehrte Uhrendesign mit dem Prozess der Entkolonialisierung des Landes und der Wiedergewinnung der kulturellen Identität der Völker des Südens. Schliesslich läuft die Sonnenuhr in der Südhemisphäre nach links und nicht nach rechts. Aus dem gleichen Grund war der bolivianische Aussenminister, ein gebürtiger Aymara, im April in Bern, um eine 16 cm grosse Steinfigur, die die andinische Gottheit Ekeko darstellt, nach Bolivien zurückzubringen. Die Polemik um die neue Uhr blieb nicht aus. Kritiker fühlen sich in die Zeiten Robbespierres zurückversetzt, als die Revolutionäre Frankreichs einen neuen Kalender einführen wollten.

Es ist jedoch keine schlechte Idee, sich auf den andinen Zeitbegriff zurückzubesinnen, denn das andine Verständnis von Zeit unterscheidet sich von unserem linearen Zeitbegriff fundamental. Der andine Mensch besitzt die Zeit nicht wie ein Bankkonto und kann sie deshalb auch nicht verlieren. Die Zeit ist für ihn wie das Ein- und Ausatmen, das Pochen des Herzens, Ebbe und Flut, Tag und Nacht, sie entwickelt sich spiralförmig und immer wieder neu in einem kosmischen Prozess von Chaos und Ordnung.

Besonders auf dem Land und in der Landwirtschaft kommen diese Zyklen zum Ausdruck. So gibt es eine Zeit zum Säen, eine Zeit zum Ernten, eine Zeit für Rituale und auch Zeiten für ein Zusammentreffen. Aus diesem Grund ist die Uhrzeit sekundär, Priorität hat die Sensibilität für günstige und ungünstige Momente, was den wartenden Europäer manchmal zur Weissglut treiben kann. Nicht weniger interessant ist die Konzeption der Wochentage, die die Quetchua sprechenden Inkas laut der Chronik von Martín de Murúa verwendeten. Die Bezeichnung der einzelnen Wochentage lesen sich dabei wie ein Kursprogramm für gestresste Manager oder Burn-Out-Patienten des 21. Jahrhunderts. Montag hiess für die Inkas ‚Pimicani’ was übersetzt ‚wer bin ich?’ bedeutet. Danach wird am Dienstag ein Blick in die Vergangenheit mit der Frage‚ woher komme ich?’ (‚May mantan hamuni’) geworfen und am Mittwoch wird diese Reflexion nochmals vertieft mit der Frage ‚durch welche Orte reiste ich?’ (,Maytan hamurcani’). Am Donnerstag tritt die Gegenwart mit ‚wo bin ich?’ (‚May pimicani’) in den Fokus und am Freitag die Zukunft: ‚wohin gehe ich?’ (‚May manmirimi’). Der Samstag wendet sich provokativ an unsere Konsumgesellschaft ‚was schleppe ich mit mir herum?’ (‚Imata mapani’) und der Sonntag lud auch schon die Inkas zum Ruhen ein, lange bevor die ‚christlichen Kolonisatoren’ kamen: ‚Cassi canuylla’ bedeutet nichts Geringeres als ‚wo ruhe ich?‘ Ich glaube es könnte tatsächlich nicht schaden, auch einmal unsere Zifferblätter auszutauschen.

Ein Staat als Phantom
Kolumne Juni 2014

Wilmer, ein siebenjähriger Knabe, wird beim Versuch eine Strasse in Loma Pampa im Süden der Stadt Cochabamba mit seinem älteren Bruder zu überqueren, von einem Truffi-Taxi erfasst und auf der Stelle getötet. Wilmer stammt aus einer der ärmsten Familien, die am Stadtrand von Cochabamba in Lehmhäusern aus Adobe ohne Möbel leben. Zusammen mit seinen vier Brüdern verbringt er die Nacht auf dem Boden. Sein Vater trinkt und seine Mutter sorgt für die Familie. Aber das reicht nicht – die Kinder müssen das Einkommen der Familie mit verschiedenen Mitteln aufbessern: Einige betteln in der Innenstadt, andere putzen die Frontscheiben von Autos, die vor der roten Ampel stoppen, und andere wie z.B. Wilmer verkaufen Glacekugeln. Dass die Kinder einige Male nicht in der Schule erscheinen, fällt den gestressten Lehrpersonen in einer Klasse mit 50 Schülerinnen und Schülern nicht sofort auf. Zudem kann sich v.a. im Winter jeder und jede einmal erkälten.
Die Linien des öffentlichen Verkehrs in Cochabamba werden von mächtigen Gewerkschaften kontrolliert. Die Truffi-Fahrer, die in ihren Autos bis zu acht Passagiere transportieren können, bezahlen dem Syndikat einen Beitrag und erhalten dadurch Schutz und Sicherheit. Diese Beziehung funktioniert besser, als die Institutionen des Staates. Nachdem der Chauffeur Wilmer überfahren hat, ruft er sofort seine Gewerkschaftskollegen und nicht etwa die Polizei um Hilfe. Nur dies kann ihn retten, denn er weiss, dass er zu schnell gefahren ist, keinen Führerschein und keine Versicherung besitzt und seine Dienste zudem in einem gestohlenen Fahrzeug anbietet. Die Gewerkschaftskollegen handeln sofort: Sie überbringen den toten Körper der Familie und gleichzeitig eine Stange Geld, um auf den Vater Druck auszuüben, damit keine polizeiliche Untersuchung des Unfalls eingeleitet wird und das Ganze so schnell wie möglich vergessen wird. Akzeptiert der Vater das Angebot, besorgt die Gewerkschaft den Totenschein samt der forensischen Untersuchung und bezahlt die Kosten der Beerdigung. Weigert er sich und versucht gerichtlich vorzugehen, so steht er auf verlorenem Posten, weil der Unfall von keiner Polizeistelle untersucht wurde. Zudem verfügt er über keine finanziellen Mittel, um ein Strafverfahren einzuleiten. Der Tod von Wilmer ist kein Einzelfall. Er zeigt, dass der Staat in Bolivien dort, wo die mittellosen Menschen leben, ein Phantom ist und dass die Abwesenheit von staatlichen Institutionen im Zusammenleben von Menschen ein Klima der Gewalt erzeugen kann.

Wörter und Sprachen als Tor zu einem anderen Blick auf die Welt
Kolumne Mai 2014

Sprache und Kommunikation sind ein wichtiger Zugang zu unseren Mitmenschen. Die Art und Weise, wie ich spreche und welche Wörter ich dabei verwende, drückt viel von meinem Inneren und meiner Weltsicht aus. ‚Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt‘ schrieb Ludwig Wittgenstein. Beim Lernen einer Fremdsprache sprenge ich dabei diese Grenzen und tauche in eine andere Kultur ein. Leider kann ich mich mit den Kleinbauern im andinen Hochland weder in Quechua noch in Aymara verständigen. Ich bin noch stark damit beschäftigt, mich mit den verschiedenen Nuancen des Spanischen auseinanderzusetzen. Dabei fällt mir auf, dass in Zeitungen, Radio oder Fernsehen oft ein kriegerischer Akzent gesetzt wird. So wird beispielsweise das Wort ‚castigar = bestrafen‘ verwendet, wenn eine Naturkatastrophe Menschenleben gefordert hat. Das tönt dann in der offiziellen Berichterstattung etwa so: ‚Die Bevölkerung Beni‘s wurde durch Niederschläge und Überschwemmungen ‚bestraft‘. Folglich müssen sich die Menschen gegen die Natur durch den Bau von Dämmen verteidigen. Auch bei der Abgabe von Hilfsmitteln in der industrialisierten Landwirtschaft verändert sich die Sprache: Begleitkräuter werden zu Unkräutern (‚schlechte Kräuter‘ im spanischen) obwohl viele Beikräuter von den andinen Bauernfamilien als Medizinalpflanzen verwendet werden. Pilze verwandeln sich in Krankheiten, die wir bekämpfen müssen und dabei verstehen wir die Sprache nicht, dass etwas mit der Fruchtbarkeit des Bodens oder der Anbauweise nicht stimmt. Die Bauern und Bäuerinnen beginnen so einen Krieg gegen die Natur, mit dem sie finanziell von Grosskonzernen abhängig werden und ihr wertvollstes Kapital, ihren eigenen Boden verspielen. In Bolivien werden viele hochgiftige Pflanzenschutzmittel eingesetzt, die bei uns längst verboten sind. Andererseits bemerke ich in der Arbeit mit einigen Kleinbauern, wie sich die Familien im andinen Hochland geistig und spirituell als Teil der Natur erleben. Sie stehen nicht ausserhalb von ihr, sondern sind Teil einer Beziehung, die sich zwischen Boden – Pflanze – Tier und Mensch abspielt. Damit der Mensch in diesem System überleben kann, ist es für diese Familien wichtig, geistige Gesetzmässigkeiten zu beachten. So muss beispielsweise die Frau, als Symbol der Fruchtbarkeit das Saatgut in die Erde legen, damit die Ernte reichlich ausfällt und die Bauernfamilie bedankt sich bei Pachamama (Mutter Erde) im Rhythmus der Jahreszeiten mit verschiedenen Opfergaben, um ihre Fruchtbarkeit zu erhalten. Der andine Mensch sieht sich so nicht als Beherrscher seiner Lebensgrundlagen, sondern als bescheidener Mittler in einer Selbstversorgungslandwirtschaft, die praktisch keine Ressourcen verschleudert. Grundlage dieser Bodenfruchtbarkeit ist Humus im lateinischen ‚humilis‘ worin das spanische Wort ‚humildad‘ wurzelt. Demut (,humildad‘) scheint also einen Zusammenhang mit Fruchtbarkeit, Segen und Erfolg zu haben.

Jede Nation hat ein Recht auf Meeranschluss!
Kolumne März 2014

Vielleicht gehören Sie auch zu den Menschen, die gerne ab und zu ans Meer fahren, um sich vom Alltagsstress zu erholen. Feriengäste der italienischen Insel Elba könnten im Oktober beispielsweise leicht den Eindruck bekommen, die Insel gehöre dem Kanton Bern. Wandert man oder frau einer Strasse entlang kommen einem zahlreiche BE – Nummernschilder entgegen. Diese Reisefreiheit befriedigt jedoch unsere Bedürfnisse und ich nehme an, wenigen von uns käme es in den Sinn, einen Meeranschluss für die Schweiz zu fordern – nicht mal jetzt, wo in Europa die Landkarten neu gezeichnet werden. In Bolivien ist das anders. Der 23. März ist der Tag des Meeres. Evo Morales forderte in diesem Jahr in La Paz, dass alle Nationen ein Recht auf einen Zugang zum Meer hätten, also auch die Schweiz! Das sind für Binnenstaaten neue Töne, ist in Bolivien aber ein Alltagsthema. Immer vor den Morgennachrichten wird den Bolivianerinnen und Bolivianern mit leidenschaftlichem Pathos, Marschmusik und Kriegslärm in Erinnerung gerufen, dass Bolivien seinen Meereszugang an Chile im Salpeterkrieg von 1879 – 1884 verloren hat. Seither ist dieser Gebietsverlust ein Zankapfel zwischen beiden Ländern. Auf zahlreichen Denkmälern in ganz Bolivien schlitzen seit diesem Trauma bolivianische Soldaten mit ihren auf den Gewehren aufgepflanzten Bajonetten die Hälse von chilenischen Soldaten auf. Weil Bolivien diese Gebiete wieder zurückhaben will, wurde auch die Kriegsmarine nicht aufgelöst. Sie übt heute auf dem Titicacasee, dem höchst gelegenen Binnensee der Welt. Ich konnte mich allerdings schon mehrmals von sinnvolleren Tätigkeiten dieser Truppe überzeugen: Sie pflanzt auch Bäume! Evo Morales verkündete am 23. März 2011, seine Regierung werde Chile am internationalen Gerichtshof in Den Haag verklagen, damit das Land mit Bolivien Verhandlungen über die umstrittenen Gebiete aufnehmen muss. Chile ging gar nicht auf diese Forderung ein und bezeichnet die Ansprüche als absurd, weil die Grenzen im Friedensvertrag von 1904 neu festgelegt wurden. Chile gewährt darin Bolivien einen zollfreien Zugang zu den chilenischen Häfen von Arica und Antofagasta am Pazifik. Zu Beginn dieses Jahres bekam es Chile allerdings mit der Angst zu tun: Das UN-Gericht in Den Haag verschob in einem jahrzentelangen Grenzkonflikt zwischen Peru und Chile die Grenzen im Pazifik zugunsten Perus neu. Deshalb wittert Morales Morgenluft. In feierlicher Zeremonie wurden deshalb in diesem Jahr die sterblichen Überreste des Kriegshelden Eduardo Abaroa auf dem gleichnamigen Platz in La Paz neu zur Ruhe gebettet. Ab dem 17. April sollen die Forderungen Boliviens in Den Haag erörtert werden. Dass der gleiche Gerichtshof Bolivien zur Auszahlung einer Entschädigung für die verstaatlichten Firmen verurteilt hat, ist in Bolivien natürlich kein Thema. Für Morales ist der fehlende Meereszugang ein Grund, dass Bolivien das ärmste Land Lateinamerikas ist. Wie andernorts wird auch in Bolivien die Meinung kultiviert: Schuld an der eigenen Misere sind immer die andern.

Ich bin Ausländer
Kolumne Februar 2014

‚Was tun Sie eigentlich hier’, fragt mich der dunkelgrün gekleidete Polizist mit Sonnenbrille, der seine Maschinenpistole lässig über seine Schultern hängen lässt. Dass ich vor der Nationalbank Boliviens mein Velo abstelle, um eine Einzahlung zu tätigen, lässt sich vermuten, weshalb ich meine Standarderzählung zu Hilfe nehme, die kurz zusammengefasst lautet: ‚Ich bin hier, um Bäume zu pflanzen.’ Seine grimmige Ausstrahlung verwandelt sich rasch in ein freundliches, braungebranntes Gesicht, das mir mit seinen Zahnlücken entgegenlacht. ‚Wie gut, mein Freund, dass Du hier bist!’ Weite Teile Boliviens versinken derzeit im Wasser, 50’000 Familien (300’000 Menschen) sind allein im Departement Beni auf der Flucht vor den Wassermassen und die hygienischen Verhältnisse werden dort immer katastrophaler, nachdem sich das Latrinenwasser mit dem Flusswasser vermischt hat. Nachdem ich ihm erzählt habe, dass nur durch Wiederaufforstungen solche Katastrophen in Zukunft vermieden werden können, klopft er mir anerkennend auf die Schulter. ‚Ich hoffe, es gefällt Dir, hier in Bolivien zu arbeiten. Wie findest du denn unser Land?’ Nachdem ich einige Höflichkeiten geäussert habe, bereite ich mich innerlich auf die nächste Frage vor, die unweigerlich bei einem solchen Gespräch kommen muss: ‚Und wie geht es deiner Familie?’ In sekundenschnelle klappen seine Mundwinkel nach unten und seine Augen strahlen ein warmes Mitgefühl für den armen alleinstehenden Ausländer aus, der ohne seine Familie in Cochabamba lebt. Wie ist so etwas nur möglich? Doch der gutmütige Polizist hat gleich eine Lösung parat und sein Ausdruck verwandelt sich wieder in Sekundenschnelle in ein breites Grinsen: ‚Mein Kamerad, das ist doch kein Problem, nimm dir eine bolivianische Frau und lass dich hier nieder!’ Tatsächlich, in diesem Land hat es noch Platz, obwohl das Tal von Cochabamba mit 1’500 Einwohnern / km2 sechsmal dichter besiedelt ist als das Schweizer Mittelland. Aber die Bolivianer sind weltoffen, Menschen aller Hautfarben und Kulturen leben zusammen und integrieren sich in die andine Lebenswelt. Diese besteht aus drei wichtigen Pfeilern: der Arbeit, dem Fest und dem Mitgefühl. Letzteres zeigt sich besonders eindrücklich im Engagement für die von den Fluten betroffenen Landsleute im Beni: Sie teilen ihr Letztes, das sie haben, mit denen, die nichts haben. Diese Solidarität ist mir fremd und beschämt mich, weil ich realisiere, dass ich nicht so handeln könnte. Im gastfreundlichen Bolivien lerne ich als Ausländer eine andere Kultur kennen, die meine Identität erweitert. Ich lerne, dass Teilen glücklich macht und dass wir alle zu einer Menschheitsfamilie gehören. Machen Ausländer in der Schweiz wohl ähnliche Erfahrungen?

Mandeln schützen Trockenwälder
Kolumne Januar 2014

Bei einer Beratung eines 1’200 ha grossen Landwirtschaftsbetriebes in der Chiquitania, dessen zukünftiger Besitzer die Weideflächen mit agroforstwirtschaftlichen Methoden bewirtschaften und eine Landwirtschaftsschule aufbauen will, lernte ich die Folgen der Abholzung und des grossflächigen Anbaus von Monokulturen mit eigenen Augen kennen. Riesige, baumlose Weideflächen, die durch Brandrodung gewonnen wurden, sind mit zahlreichen Termitenhügeln übersät: Eine Folge der Übernutzung und Auslaugung des Bodens. Dort wo die Erträge den Ansprüchen nicht mehr genügen, wird das Land verlassen, um neue Gebiete durch Abholzung zu erschliessen. Im Departament Santa Cruz, wo sich die Chiquitania befindet, hat sich die Anbaufläche für Sojabohnen in den letzten 20 Jahren von 172’000 ha auf über 1 Million ha erhöht. Das heisst, dass die Hälfte der landwirtschaftlich genutzten Fläche jetzt mit Soja angebaut wird. Die übrige Landwirtschaftsfläche ist Weideland, das zur Fleischproduktion genutzt wird. Der besuchte Betrieb liegt in der Gemeinde San Ignacio de Velasco, dessen Fläche grösser ist als die Fläche der Schweiz. In dieser Gemeinde leben 56’000 Menschen. Die meisten von ihnen sind Kleinbauernfamilien, die mit spärlichen Mitteln nur etwa 5% der Landwirtschaftsfläche bewirtschaften. Noch vor dreissig Jahren waren diese Menschen Leibeigene, die für Grossgrundbesitzer die Arbeit erledigten. Heute haben sich diese Bauern mit externer Hilfe in einer Kooperative organisiert, die Biokaffee anbaut und damit erste Exportversuche macht. Ihr neustes Projekt ist die Pflanzung von einheimischen Mandelbäumen auf den Weideflächen der Grossgrundbesitzer. Bis vor kurzem war der Nährstoff- und Vitamingehalt dieser Mandel unbekannt, obwohl der Baum in den Restbeständen der Wälder wuchs. Doch mit einem Projekt zum Schutz der Wälder in der Region entdeckten die Menschen den Nährstoffreichtum dieser Frucht. Nun sollen die baumlosen Weiden mit diesen Bäumen bepflanzt werden, deren Frucht in der Trockenzeit reif wird. Während dieser Zeit wächst wenig Gras und das Fruchtfleisch ist eine willkommene Abwechslung für die Kühe. Wenn die Früchte auf den Boden fallen, fressen die Kühe das Fruchtfleisch und werfen die Mandel beim Wiederkäuen wieder aus. Auf diese Weise kann die Mandel leicht vom Fruchtfleisch getrennt werden. Sie muss jetzt nur noch eingesammelt, gereinigt, geröstet und verpackt werden. Diese Arbeit wird meistens von Frauen erledigt, was ihnen etwas finanzielle Unabhängigkeit verschafft. Die Viehhalter arbeiten aber nicht nur wegen des zusätzlichen Futters bei den Pflanzaktionen mit. Sind die Bäume einmal grösser, sammeln sie beträchtliche Mengen Luftstickstoff, der im Boden angereichert wird und so den Boden verbessert. Zudem spenden sie Schatten für die Kühe. So verbinden leckere Mandeln Boden, Kühe und Menschen miteinander und schützen auf diese Weise die Restbestände des tropischen Trockenwaldes in dieser Region. Das mundet noch mehr!

Hingabe
Kolumne November 2013

Vor kurzem musste ich in die Schweiz zurückfliegen, weil mein Bruder gestorben war. Schon vor dem Abflug, besonders aber bei meiner Rückkehr, spürte ich auch eine grosse Anteilnahme meiner bolivianischen Kolleginnen und Kollegen.
Sterben und Tod sind im bolivianischen Kontext wahrscheinlich weniger abgeschnitten vom Alltag als bei uns. Tote werden im Haus der Familie aufgebahrt und neben Familienangehörigen und FreundInnen nimmt das ganze Dorf Abschied am Sarg. Verstorbene sind in der andinen Kultur immer präsent und begleiten die Lebenden. Am ersten November versammelt sich die ganze Familie über die Mittagszeit zu Hause, um ihren Verstorbenen zu gedenken. Dazu sind auch Freunde und Freundinnen eingeladen. Die Familienmitglieder bauen einen Hausaltar mit verschiedenen aus Teig gebackenen Symbolen auf: Sonne, Mond, Kreuz, Engel, Tiere oder andere Dinge, die der Verstorbene liebte. Der Altar ist mit einem Bild der Verstorbenen, mit Blumen, Girlanden und Kerzen geschmückt. Die Menschen sitzen rund um den Altar und essen die Lieblingsmahlzeit des zuletzt Verstorbenen, reden miteinander und sprechen gemeinsam Gebete. Ein randvoller Teller des Gerichts, den niemand anrührt, steht dampfend auf dem Altar. Nach dem Essen gehen die Menschen wieder ihrer Arbeit nach. Der zweite November ist in ganz Bolivien ein grosser Feiertag. An diesem Tag versammeln sich die Familien auf dem Friedhof und essen vor dem Grab eines Angehörigen. Das Grab wird neu geschmückt, ein Foto aufgestellt, Koka gekaut. Von alledem wird symbolisch immer auch etwas den Verstorbenen gereicht. Es wird gebetet, mit Flöte, Charango oder Gitarre Musik gespielt, um so den Kontakt mit den Verstorbenen wieder zu beleben. Ich empfinde den Tod in Europa mehr als Unterbrechung des gewohnten Lebensablaufs, in den wir möglichst rasch wieder hineinkommen sollten. Trauer hat wenig Platz, sie muss oft zu Hause und für sich allein ausgedrückt werden. Oft fehlen gemeinsame Rituale im Alltag. Dabei scheint mir das Durchleben der verschiedenen Trauerphasen sehr wichtig und ich glaube, dies dauert individuell verschieden lang, was manchmal nicht immer genügend beachtet wird. In der andinen Kultur gehört der Tod zum Leben und deshalb stehen die Verstorbenen immer an der Seite der Lebenden. Dass alles mit allem zusammenhängt, ist ein Fundament andiner Philosophie: das Göttliche ist alles in allem, ist Sein in allem. Angesichts des Verlusts eines lieben, vertrauten Menschen werden Dimensionen der Liebe und des Dankes spürbar, die meine bisherigen Vorstellungen und Erfahrungen bei weitem übersteigen. Vielleicht sind Tod und Geburt die wichtigsten Dinge, die uns wirklich lehren, unser Leben den Lebenden hinzugeben.

Stimmen aus der Schweiz in Cochabamba
Kolumne Oktober 2013

Anfang Oktober sangen drei Schweizer Chöre zusammen mit der Philharmonie von Cochabamba und der instrumentalen Begleitung der ‚Los Kusis’ (die Freudvollen) die Messe Pachamama (Mutter Erde) und Navidad Andina (Andine Weihnachten). Die Kompositionen des bolivianischen Musikers Juan Arnez, der mit seiner Familie in der Schweiz lebt, werden Ende Oktober in Wohlen bei Bern und Basel aufgeführt. Die Missa Pachamama ist ein Aufschrei, ein Schrei nach Gerechtigkeit, Brot, Respekt für die Kinder, Frieden und dem Recht auf Leben für alle in dieser Welt. Die anklagende Botschaft des Textes wird durch die rhytmische Musik beschwingt in Hoffnung verwandelt und berührt mein Herz tief. Die Navidad Andina erzählt vom harten Leben der Strassenkinder in den Grossstädten Boliviens, die Schuhe putzen, Abfall sammeln oder die Frontscheiben der vor den Rotlichtern wartenden Autos reinigen. ‚Integrationsprojekt Schweiz – Bolivien‘ nennt der Künstler seine Arbeit mit den Chören. Und dieses Projekt trägt Früchte. So hat Juan Arnez in seinem Geburtsort im kalten Colomi auf 3’500 m.ü.M. mit dem Erlös seiner Konzerte und Tonträger eine Schule und ein Beratungszentrum für Mütter aufgebaut. Arnez verlor seine Mutter früh und musste sich als Kind allein durchs Leben schlagen. Er weiss deshalb, wovon er in seiner Musik erzählt. Es ist ein Apell an unsere Solidarität und Menschlichkeit mit den schlechter gestellten Menschen überall auf der Welt. Musik und Tänze legen aber auch Zeugnis ab von der Schönheit und dem kulturellen Reichtum Boliviens und der Quechua Gesang der Schweizer Stimmern trägt dazu bei, die Angst zwischen Menschen aus unterschiedlichen Kulturen zu überwinden. Je länger ich in Bolivien lebe, desto mehr zerfliessen mir diese Unterschiede. Ich begegne Menschen mit denselben Hoffnungen, denselben Ängsten und ähnlichen Wünschen auf der Suche nach dem Lebensglück, wie ich selbst. Die Grenzen fallen zusammen und wir versuchen einander zu verstehen. Viele Handlungen werden verständlicher, wenn ich den Kontext beachte, in dem die BolivianerInnen leben, denn dieses Umfeld ist etwas schwieriger als bei uns. Fremdes weckt auch bei mir zuerst einmal Angst und mobilisiert meine Abwehrkräfte. Dass es auch Glück beinhalten könnte, lerne ich hier zu sehen und zu verstehen. Juan Arnez fordert uns mit seinen Kompositionen und seinem Arrangement der Chöre auf, uns dieser Begegnung zu stellen. Er nimmt uns mit seiner Musik auf einen Weg, der uns zeigt, wie Integration von verschiedenen Kulturen funktionieren könnte. Er fordert uns damit auf, das, was wir schon immer zu wissen glauben, zu verlassen und Neuland zu betreten. Wer Neuland betritt, weiss nicht, was auf ihn zukommt, aber er fühlt, dass er intensiv lebt.

Fussball
Kolumne August 2013

Ich interessiere mich nicht für Fussball, aber in Bolivien komme ich nicht darum herum, mich für diesen Sport zu interessiern, damit ich auch beim Small Talk mitreden kann. Natürlich habe ich trotzdem den 1:0 Sieg der Schweizer Nazi gegen Brasilien am 14. August in Basel nicht mitbekommen und bin deshalb ziemlich verdutzt, als mich mein Arbeitskollege am nächsten Tag stürmisch begrüsst und mir händeschüttelnd zum Sieg gratuliert. Es sollte noch besser kommen: In der Kaffeepause werde ich richtig gefeiert und zwar so, als hätte ich das Tor (später fand ich dann heraus, dass es ein Eigentor war) selbst geschossen. Wie in allen lateinamerikanischen Ländern ist Fussball der wichtigste Sport des Landes. Es vergeht keine Woche in der Evo Morales nicht irgendwo einen Sportplatz einweiht. Das hässliche Blechdach, das den Sportplatz überdeckt, ist ein Markenzeichen jeder Gemeinde und wird aus einem Fonds mit dem schönen Namen ‚Bolivien verändert sich – Evo löst sein Versprechen ein’ von Venezuela gespiesen. Neben dem lachenden Konterfei des Präsidenten auf tausenden von Plakaten, die Züge eines Personenkults tragen, ist der Präsident oft auch als zielsicherer Fussballspieler zu sehen, der seine Gegner hinter sich lässt. Sein erster und einziger Besuch in der Schweiz galt nicht etwa dem Bundesrat, sondern Sepp Blatter, der ihm damals zusicherte, dass internationale Fussballspiele wieder in der dünnen Luft von La Paz ausgetragen werden dürfen. Die Fifa hatte vorher internationale Wettkämpfe in dieser Höhe verboten. Die Bitte der damaligen Bundesrätin Michelin Calmy Rey, die für ein Treffen mit Morales sogar von Bern nach Zürich gereist wäre, lehnte er aus Zeitknappheit ab. Fussballstadien schiessen in Bolivien, wie Pilze aus dem Boden. So wird nun in El Alto, der grössten Migrantenstadt Boliviens mit einer Million Einwohnerinnen und Einwohnern auf 4000 m.ü.M. und einer jährlichen Bevölkerungszunahme von 5.1% das Stadium ‚Evo Morales Ayma’ gebaut. Ein Fussballstadium mit gleichem Namen ist auch in Cochabamba für 12’000 Zuschauer und 5.4 Mio Sfr. geplant. Als Fussballbanause frage ich mich natürlich, ob diese verbauten Millionen richtig investiert werden, wenn grosse Stadteile ohne Strom, Trinkwasser oder Kanalisation auskommen müssen und grundlegende Dienstleistungen fehlen. Wenn die Fussballnationalmannschaft Boliviens wenigstens erfolgreich wäre, so könnte ich dies vielleicht halbwegs verstehen. Doch die Equipe gehört auf dem Rasen, meistens zu den Verlierern. Dieses Verlierer – Image scheint an den Bolivianern zu haften. Seit der Unabhängigkeit von Spanien 1825, verlor der neue Staat in verschiedenen Kriegen mit seinen Nachbarländern Stück um Stück seines ursprünglichen Territoriums. Besonders schmerzhaft war der Verlust eines breiten Landstreifens am Pazifik, der heute zu Chile gehört. Für zwei Dinge lassen sich deshalb alle Bolivianerinnen und Bolivianer begeistern: Fussball und die Forderung nach einem freien Meerzugang.

Willkakuti – Prosit Neujahr!
Kolumne Juni 2013

Willkakuti – in der Sprache der Aymara ‚die Rückkehr der Sonne’ – oder die Sonnenwende (Inti-Raymi in Quechua) ist in Bolivien seit dem Jahr 2009 am 21. Juni offizieller Feiertag. Sie wird ausgiebig gefeiert. Für die Aymara ist die Sonnenwende Jahreswechsel und markiert den Beginn des neuen Kreislaufs im Anbau der landwirtschaftlichen Kulturen. Die Hauptzeremonie in Tiahuanaco zu Beginn des neuen andinen Jahres 5521 ist für die Regierung Morales eine willkommene Gelegenheit, die Einheit des plurinationalen Staates zu beschwören. An weiteren 200 ‚heiligen’ Plätzen werden an diesem Morgen Zeremonien abgehalten, bei denen die Sonne mit ausgestreckten Händen begrüsst wird. Im letzten Jahr beschränkten sich die Aktivitäten auf lediglich 25 meist archäologisch bedeutsame Orte. Obwohl das Fest etwa so wie der Rütlischwur keine historisch belegten Wurzeln hat , werden die Aktivitäten rund um die Sonnenwende immer beliebter. Die Grundlage für die Berechnung der Jahreszeit lieferte der peruanische Architekt Milla Villena in den 40er Jahren des letzten Jahrhunderts bei archäologischen Studien in den Ruinen von Cuzco und kreierte damit den Mythos des Festes.
Die Sonne steigt um diese Jahreszeit in Cochabamba erst um 7.15 Uhr über die Bergkette des Tunari, weshalb ich getrost erst um 6:00 Uhr ins Taxi steigen kann, um mich auf die Coronilla chauffieren zu lassen, wo die Sonne begrüsst wird. Die Coronilla ist einer von mehreren Hügeln in Cochabamba, von denen sich die Stadt wunderbar überblicken lässt. Normalerweise ist die Coronilla rote Zone für einen Gringo, weil dort Überfälle häufig sind. Nicht so heute morgen! Auf dem Hügel empfangen mich mehrere Musikgruppen: Männer in leuchtend roten Ponchos blasen aus Leibeskräften in ihre Panflöten, unterstützt durch den rhythmischen Schlag einer grossen Trommel. Sie tanzen im Kreis um ein Feuer, während Frauen in bunten Trachten um den Kreis der Männer wirbeln. Um das neue Jahr glücklich zu beginnen, können an zahlreichen Ständen verschiedene Gegenstände in Miniaturformat erworben werden: Autos, Häuser, Tiere und verschiedene Figürchen. Für einen Boliviano kann eine überdimensionierte Hundertdollarnote erstanden werden. Diese Gegenstände werden nach dem Sonneaufgang in einem Ritual (K’oa) für die ‚Pachamama’ (Mutter Erde) zusammen mit fein duftenden Kräutern, Kokablättern und viel Chicha (Maisbier) auf einem Feuer verbrannt, und der Spender bzw. die Spenderin hofft, mit diesen Gegenständen im neuen Jahr reich beschenkt zu werden. Die zahlreichen Geldscheine, die in den ausgestreckten Händen, der aufgehenden Sonne entgegengehalten werden, nehmen mir beinahe die Sicht auf einen weiteren bezaubernden Sonnenaufgang über Cochabamba.

Auf der Post
Kolumne vom Mai 2013

Laut trällernd empfängt mich die Diablada, ein bolivianischer Tanz, auf der Post. Die Schlange ist heute besonders lang, weil in dieser Woche gestreikt wurde. Am Wochenende werden die Strassenblockaden und Streiks jedoch aufgehoben, um am Montag mit unverminderter Härte weiter zu gehen. ‚Der Streik macht Pause’ steht deshalb auf der Frontseite von ‚Los tiempos’ (Die Zeit).
Ich habe Zeit und setze mich auf die Stuhlreihe vor dem offenen Schalter. Die Drängerei widerstrebt mir und mit BolivianerInnen mag ich mich nicht messen – sie sind Meister in dieser Kunst. Während meiner Wartezeit kann ich die minutiöse Arbeit der beiden Postbeamtinnen geniessen. Am Samstagmorgen sind immer die selben Frauen am Schalter. In Zeitlupentempo kontrollieren Sie die aufgegebenen Briefe und Pakete, kontrollieren Buchstabe für Buchstabe die Adresse und den Absender, kleben die Pakte kunstvoll mit einem breiten Scotchband zu, so als ob es sich um ein wichtiges Geschenk handeln würde. Der Verschluss der Briefumschläge wird mit weissem Leim aus einer grossen Tube versehen und mit dem Finger fein säuberlich verstrichen, weil die Umschläge mit dem Klebestreifen nicht optimal schliessen. Danach wird der Brief gewogen und der Preis bestimmt.

Ich bringe heute zum erstenmal meine Unterlagen für die Abstimmung in der Schweiz am 9. Juni zur Post. Als ich an der Reihe bin, studiert die Beamtin den Briefumschlag mit Adressfenster und blauer ‚A Prioritaire’ Marke sehr genau. Schliesslich entdeckt sie einen Eingangsstempel der Post von Cochabamba. ‚Dieser Briefumschlag wurde schon einmal verwendet. So können Sie diesen Brief nicht schicken’ teilt sie mir freundlich, aber bestimmt, mit. ‚Aha’. Ich verzichte auf eine Erklärung bezüglich des brieflichen Abstimmungsmodus in der Schweiz, verlasse die Post, kaufe mir auf der Strasse einen Briefumschlag, in den ich mein Abstimmungscouvert stecke und stelle mich wieder in die Schlange. Auch beim zweiten Mal wird der Brief genau kontrolliert, zugeklebt und gewogen. ‚In die Schweiz geschickt kostet der Brief 20 Bolivianos und 50 Centavos’, verkündet mir die Beamtin. Ich bezahle mit einer 50-er Note. Mit strenger Miene hält sie den Geldschein ins Gegenlicht, um das Wasserzeichen zu kontrollieren. Zufrieden legt sie ihn in ihre Schublade, es scheint kein Falschgeld zu sein. Ein grösseres Problem ist das Wechselgeld. Leider habe ich keine 50 Centavos und sie auch nicht. Tja, das ist Pech!
Eine Minute später stehe ich mit meinem Briefumschlag wieder auf der Strasse, kaufe mir mit meiner 50-er Note an einem Marktstand Brot und Früchte, um etwas Kleingeld zu bekommen und stelle mich zum dritten Mal in die Schlange. Der Brief wird wieder genauso kontrolliert und gewogen wie beim ersten Mal. Diesmal kostet er 20 Bolivianos und das Wechselgeld ist kein Problem. Wenn die Sendung des Briefes vergleichsweise ähnlich lange dauert, wie das Aufgeben des Briefes so werden wohl meine zwei Stimmen zu spät im Wahlbüro für Auslandschweizer eintreffen.

Pioniere
Kolumne vom April 2013

Falls Sie wandern oder bergsteigen, haben Sie sicher schon mal ein Büchlein konsultiert, das Ihnen eine genaue Beschreibung des Weges zum gewünschten Ziel liefert. Vielleicht stand dabei auch, wer diese Route zum ersten Mal begangen hat. Sie haben sich vielleicht gefragt, wie das wohl gewesen sein mag, bei dieser Erstbegehung – nachdem Sie gerade die Seilbahnstation verlassen haben…. In Cochabamba können Sie etwas Luft aus der Zeit der Bergpioniere schnuppern. Hier gibt es weder Wanderführer noch Wegweiser, noch kennt jemand einen Weg. Wer freiwillig zu Fuss einen Berg hinaufsteigt, muss verrückt sein. Das haben wohl unsere Alpsennen auch gedacht, als sie den ersten Engländern begegneten, die auf die Schweizer Berge stiegen, die mit allerlei Geistern besetzt waren.

Doch der Reiz des Unbekannten ist auch in Cochabamba stärker: die Bergkette des Tunari, die jetzt im Herbstlicht der ständig strahlenden Sonne in allen Schattierungen funkelt, die vielen kleinen farbigen Äcker von Kartoffeln, Lupinen, Lein, Luzerne, Hafer und Weizen, die nach jeder Wegkurve in neuen Schattierungen auftauchen, die unterschiedlichsten Düfte der verschiedensten Wildkräuter oder die weit über unseren Köpfen kreisenden Kondore ziehen uns nach oben. Ab 3’000 m.ü.M. begegnen wir mächtigen Kewiñia-Bäumen, die einst im andinen Hochland ganze Wälder bedeckten, bevor sie bedenkenlos zu Holzkohle verarbeitet wurden.

Es ist still und ein leichter Wind bläst durch die Blätter. Kaum eine Menschenseele ist unterwegs. Doch manchmal treffen wir ganz unerwartet auf eine Hütte aus Stein, die mit Gras bedeckt ist. Dazu winkt uns ein Bauer, der hier seine Schafe und Lamas hütet und seinen kargen Acker bestellt. Auf der ersten Krete auf rund 4000 m.ü.M. ist die Sicht auf die Stadt und das Tal von Cochabamba überwältigend. Von hier ginge es endlos weiter, den für Cochabamba überlebenswichtigen Lagunen entlang, die das Tal mit Wasser versorgen, über den Cerro Tunari und weiter bis zur Cordillera Real. Doch wir müssen den Abstieg wieder unter unsere Füsse nehmen. Unterwegs überholt uns ein Bauer mit seinem Ford-Lastwagen aus den 1930er Jahren. Wir dürfen auf der Ladefläche mitfahren. Er ist mit seiner ganzen Familie und einer Ladung verschiedenster Kartoffelsorten unterwegs, die sie im Hochland angebaut haben und nun im Tal verkaufen wollen. Sie bleiben dazu zwei Tage in Cochabamba und kehren danach wieder zurück in die Kälte des Hochlandes. Auf dem Lastwagen, der ganz langsam ins Tal hinunterholpert, bekommen wir im Gespräch einen Einblick in das einfache Leben dieser freundlichen Bergler. Zu Hause unter der Dusche habe ich das Gefühl, dass diese Menschen, die das Leben in den andinen Hochtälern dem Leben in der Stadt vorziehen, wohl die wahren Pioniere der Welt sind.

Einkaufen mit Intuition
Kolumne vom März 2013

Was tun Sie wenn Sie einen Schuhbändel benötigen? Sie schreiben sich vielleicht ‚Schuhbändel’ auf ihren Einkaufszettel und nehmen bei nächster Gelegenheit den Weg zum Coop oder Migros unter die Füsse. Dort steuern Sie zielsicher das Gestell an, in dem sich die Schuhbändel befinden. Sie müssen nicht lange suchen, denn Sie wissen genau, wo sich das Gestell befindet. Falls die Verkaufsabteilung die Regale wieder einmal umgestellt hat, müssen sie vielleicht eine Zusatzschlaufe einlegen – aber das dauert weniger als eine Minute. Wäre ja auch übertrieben, mehr von ihrer kostbaren Lebenszeit für den Kauf eines Schuhbändels zu vergeuden, nicht wahr? In Cochabamba ist das anders. Wenn Sie hier einen Schuhbändel kaufen müssen, können Sie mit einem Truffi in die Cancha fahren. Dort wandern Sie durch den grössten Markt von ganz Südamerika (so behaupten es wenigstens die Reiseführer). Hier finden Sie alles – selbst Schuhbändel. Die Frage ist nur: Wo?
Ich kann Ihnen mit Bestimmtheit sagen, dass Sie keine Schuhbändel finden werden, wenn Sie ganz verbissen nach Schuhbändeln suchen. Wenn Sie Glück haben, hilft Fragen weiter, sonst heisst es einfach: haben wir nicht. Die Cancha stellen sie sich am besten wie einen riesigen Supermarkt mit Tausenden von Einzelläden vor. Sie können irgendwo hineingehen und verschwinden in einem Labyrinth. Natürlich verlieren Sie in diesem Gewirr von engen Gassen jegliche Orientierung. Die Passagen sind vollgestopft mit Menschen, dazwischen drängen sich lautstark fliegende Verkäufer und Verkäuferinnen, die von Esswaren über lebende Tiere bis zur Zahnseide alles verkaufen, was sonst auch an den fixen Verkaufsstellen zu finden ist. Je nachdem, wo sie sich befinden, tauchen Sie in ganz verschiedene Duftwelten ein, die Sie verführen (oder auch nicht). So entdecken Sie die unterschiedlichsten Dinge, nur oft das nicht, was Sie gerade brauchen. Zielsicheres Einkaufen funktioniert hier nicht, hier müssen Sie mit Intuition vorgehen. Lassen Sie sich vom Markt und den Menschen führen und suchen Sie nie etwas Bestimmtes. Es kommt Ihnen alles entgegen, das einzige, was Sie dazu brauchen, sind Zeit und Vertrauen. Zeit gibt es hier in Cochabamba genug. Weshalb Zeit Geld sein soll, versteht hier keiner. Und plötzlich stehen Sie völlig unverhofft vor einer Auslage mit verschiedenen Schuhbändeln. Vielleicht finden Sie im ersten Moment nicht die passende Grösse oder Farbe – dies ist aber kein Problem. Wer Schuhbändel verkauft, hat alle erdenklichen Modelle. Und was kosten Sie? Zehn Bolivianos – Gringo Preis oder bolivianischer Preis?, geht es Ihnen durch den Kopf. Auch hier müssen Sie ihrer Intuition vertrauen und allenfalls in Preisverhandlungen einsteigen. Das kann so weit gehen, dass Sie die so sehnlichst gesuchten Schuhbändel dort zurücklassen und sich im Fluss der Menschen zur nächsten Fundstelle treiben lassen, die irgendwann und irgendwo ganz bestimmt auftaucht.

Boden – unsere Lebensgrundlage
Kolumne vom Februar 2013

Gringito – was für ein Stein! Staunend steht Don Evaristo neben uns und lächelt vergnügt. Nach ein paar weiteren Wortwechseln in Ketschua mit Don Zenovia seinem Nachbarn, lachen beide lauthals. Eben habe ich mit Zenovia einen Felsbrocken aus einem Pflanzloch herausgeholt, damit die eingepflanzte Tara (Caesalpina spinosa) gut gedeihen kann. Sie gibt der ganzen Obstanlage aus Äpfel-, Pfirsich-, Aprikosen-, Zitronen-, und Olivenbäumen, die wir auf der Parzelle von Evaristo angelegt haben, den nötigen Schutz und liefert den Fruchtbäumen später Wasser und Nährstoffe. Der schlanke, zähe, von der Sonne dunkelgebrannte Bauer hat 68 Jahre auf seinem Buckel und lebt mit seiner Frau in einer Lehmhütte auf einer Hügelkuppe ca. 10 km von Tarata entfernt. Sie besitzen 5 Kühe und leben von Mais, Kartoffeln, Bohnen, Getreide und Zwiebeln. Strom haben sie keinen, dafür ragt vor seiner Hütte ein Wasserhahn aus der Erde, der die Familie mit Trinkwasser versorgt. Von seinem Wohnsitz haben beide eine wunderbare Übersicht über ein breites Tal und zu den nächsten Gehöften, die sich in Streusiedlungen auf beiden Flussseiten verteilen. Der Fluss führt jetzt während der Regenzeit Wasser. Die Musik des plätschernden Baches schenkt uns eine wohltuende Unterhaltung während den Pflanzarbeiten. In den Pausen muss ich immer wieder staunend einen Blick ins Bachbett werfen. Das Wasser fliesst tatsächlich noch immer. Das ist keine Selbstverständlichkeit, denn während neun Monaten ist das Flussbett trocken. Erst hier in Bolivien wird mir bewusst, dass ausgetrocknete Flüsse in weiten Teilen der Erde der Normalfall ist und die Menschen viel Zeit damit verbringen, Wasser für das tägliche Leben und Überleben zu beschaffen. Damit die Bauernfamilien hier in diesem kahlen Hochtal leben können, besitzt jede von ihnen ein Wasserreservoir, das sich während der Regenzeit durch eine kompliziertes Kanalsystem langsam füllt. Die Agroforstanlagen, die wir bei diesen Familien anlegen, dienen neben der Verbesserung der Nahrungsgrundlage auch dazu, die Wasserspeicherfähigkeit des Bodens zu vergrössern. Ist diese Erfahrung ins Bewusstsein der Dorfbewohner gerückt und sichtbar, so kann die Aufforstung der kahlen Hügel und Hänge im Einzugsbereich des Flusses begonnen werden. Eine Bewaldung würde die neunmonatige Trockenzeit des Flussbettes stark reduzieren und die Bewässerung der Felder durch neu entstehende Quellen erleichtern. Ein fruchtbarer, lebendiger Boden ist die Grundlage für sauberes Trinkwasser. Tragen wir deshalb Sorge dazu! Während in Bolivien dies mit Aufforstungsmassnahmen geschieht, müssen wir in der Schweiz dafür sorgen, dass nicht noch mehr Boden zugepflastert wird. Am 3. März haben Sie eine Gelegenheit dazu!

Gewohnheiten
Kolumne vom Januar 2013

Ich habe mir meine Wohnorte, wo immer möglich, so ausgewählt, dass ich mit meinem Fahrrad zur Arbeit pendeln konnte. Radfahren ist etwas sehr entspannendes und erstaunlicherweise kann ich dies auch in Cochabamba. Ich verzichte dabei zwar auf eine ruhigere Wohnmöglichkeit im 10 km entfernten Tiquipaya. Aber die tägliche Fahrt von dort in die Stadt ist weder mit den Velos noch mit den Trufis ein Schleck. Trufis nennen sich hier die öffentlichen Verkehrsmittel. Das sind Autos oder Kleinbusse mit Nummern auf dem Dach und grossen Schildern hinter der Frontscheibe, die die wichtigsten Etappenorte des Rundkurses angeben. Es gibt aber keine Haltestellen oder Linienpläne. Wenn ich mit einem Trufi von A nach B fahren möchte, dann stelle ich mich einfach an den Strassenrand und winke das Auto heran, wenn die richtige Nummer kommt. Es braucht natürlich etwas Zeit, bis ein Gringo weiss, wohin die richtige Nummer fährt. Als Neuankömmling reibt man sich auch etwas die Augen, wenn man den Zustand der Fahrzeuge näher betrachtet. Der schlimmste Trufi, mit dem ich bis jetzt gefahren bin, war ein völlig durchgerosteter Vierplätzer ohne Licht und statt des Armaturenbretts blickte ich auf ein Gewirr von Kabeln. Am Morgen sind die Trufis überfüllt. Dann passen auf einen Sitz locker zwei Personen und man ist froh, wenn die mitgeführten Hühner nicht auf der frischen Hose ihr Geschäft verrichten. Will ich aussteigen, so rufe ich laut ‚Esquina por favor’ und der Fahrer führt an der nächsten Strassenecke eine Vollbremsung durch. Meistens müssen dann zuerst ein paar Leute ausssteigen, um Platz zu machen, damit man selber den Minibus verlassen kann. Als Radfahrer muss man sich an diesen Fahrstil der Trufis gewöhnen. Denn unvermittelt können sie dem ahnungslos dahin Pedalenden den Weg abschneiden, weil im Bus einer ‚Esquina por favor’ gerufen hat. Zum Glück habe ich eine kleine Einzimmerwohnung in der Nähe des einzigen Radweges der Stadt gefunden. Auf diesem kann ich nun jeden Tag fernab von der Hektik des Verkehrs gemütlich unter Palmen zu meinem Arbeitsort fahren.
Auf dem Weg treffe ich immer wieder die gleichen Menschen, die jetzt in der Regenzeit unter einer Plastikblache ein Früchstück für die Passanten anbieten: Doña Leonie zum Beispiel, die mir jeden Morgen ein stärkendes Getränk aus Quinoa und ein Brot bereithält oder die beiden Frauen hinter einer Unterführung, die zu den Ökosammlerinnen gehören und dort ein Schwätzchen halten. Nachdem ich vorbeigefahren bin, wird mir warm ums Herz, denn meine neuen Gewohnheiten wecken Gefühle der Geborgenheit, Wärme und Sicherheit für einen Tag.

Weihnachtsimpressionen aus Cochabamba
Kolumne vom Dezember 2012

Am 3. Adventssonntag habe ich in einem Streifzug durch Cochabamba ein paar Weihnachtssujets in der Stadt fotografiert. Dabei wurde mir so richtig klar, warum die Regierung von Evo Morales ein Vizeministerium zur Entkolonialisierung eingerichtet hat. Haben Sie zum Beispiel schon einmal einen ca. 30 m hohen Weihnachtsbaum mit lauter Coca-Cola Flaschen gesehen? Ausserdem finden Sie in der ganzen Stadt viele Schneeschlitten, die von Barbie-Rentieren der selben Marke gezogen werden. Schnee liegt in Cochabamba auch im Winter nicht und Rentiere hat es auch keine. Dafür stellen sich mir jetzt häufig ganz alte Frauen an zerbrechlichen Holzstöcken oder Kinder, die aufdringlich betteln, regelrecht in den Weg. Die Cochabambinos – so nennen sich die EinwohnerInnen von Cochabamba – sprechen von Betteltouristen. Immer zur Weihnachtszeit kommen sie vom Hochland in die Stadt. In der übrigen Zeit gibt es bedeutend weniger Bettler.
Auf meinem Streifzug begegne ich später Don Eduardo (Name geändert). Don Eduardo ist ein Kleinunternehmer – er sammelt Abfall. Für seinen grossen Sack der mit lauter Pet-Flaschen gefüllt ist, bekommt er von der städtischen Abfallentsorgung 35 Bolivianos. Das sind immerhin drei einfache Mittagessen. Abfallsammler wie Don Eduardo durchsuchen die Abfallcontainer und separieren den Abfall: Pet-Flaschen und Papier werden aussortiert und in einen grossen Sack verstaut. Einige Cochabambinos helfen ihnen dabei so, dass sie ihren Abfall vorsortiert in verschiedenen Plastikbeuteln im Container deponieren. Das sind aber die wenigsten. Cochabamba steht erst am Anfang einer getrennten Abfallentsorgung. Nicht viel besser sieht es mit der Abwasserreinigung aus. Ich habe erst nach einiger Zeit begriffen, weshalb meine gebrauchten WC-Papiere in den Kübel neben dem WC deponiert werden müssen und nicht in der Schüssel. Die einzige Kläranlage der Stadt ist für 300 Liter Klärwasser pro Sekunde ausgestattet. Verarbeiten müsste sie jedoch das Doppelte.
Ich gebe zu, dass mein Kolumnenthema auf den ersten Blick nicht gerade weihnachtlich daherkommt. Abfall scheint etwas Schlechtes zu sein, den wir möglichst schnell los werden wollen. Armut und Hunger stören unseren Weihnachtsfrieden. Abfall zeigt uns aber, dass auch Unschönes zum Menschsein gehört und wir aufgefordert sind, daraus etwas Konstruktives herzustellen. Wie Don Eduardo zum Beispiel, der mir zum Abschied einen Plastikbecher Coca-Cola reicht und ihn, nachdem ich ihn getrunken habe, fein säuberlich in seinem Pet-Flaschensack verstaut und mir zum Abschied freundlich zuzwinkert. Ein guter Weihnachts- oder Neujahrsbraten ist ihm durch diese Sammlung sicher, und den wünsche ich Ihnen auch.

Evo lässt sein Volk zählen
Kolumne vom November 2012

Die Nachricht der Volkszählung in Bolivien war auch in der Schweizer Presse ein Thema. Kein Wunder: am 21. November 2012 steht Bolivien nämlich still. Eine Verordnung der Regierung verbietet jedem Bewohner des Landes sein Haus zu verlassen. Cochabamba gleicht einer Geisterstadt – keine Autos, keine Flugzeuge, geschlossene Läden, menschenleere Strassen, Stille. Gespannt warten die Cochabambinos in ihren Wohnungen auf den Volkszähler. Die Proteste mit Strassenblockaden und Demonstrationen im Vorfeld der Volkszählung sind einer gespannten Ruhe gewichen. Die Menschen sind misstrauisch. Was macht die Regierung mit den gewonnenen Daten? Weshalb wird dieser Zensus nur an einem Tag mitten in der Woche durchgeführt? Weshalb darf ich mein Haus nicht verlassen? Viel zu diskutieren gibt die Frage 29: Gehören Sie einer bestimmten indigenen Volksgruppe an? Darunter sind alle 41 Volksgruppen aufgelistet, die es in Bolivien gibt – ausser den Mestizen und den weisshäutigen Menschen. Endlich klingelt die Hausglocke – der Volkszähler, ein junger schüchtern wirkender Mann steht vor der Tür. Er will nur die Hausherrin befragen. Die übrigen zehn Menschen, die hier in verschiedenen Wohnungen leben, werden nicht berücksichtigt. Die Befragung ermittelt Daten zur Bildungssituation sowie zur sozialen und wirtschaftlichen Lage der Bevölkerung. Die Daten sollen Grundlagen für einen Entwicklungsplan im Land liefern, um die Armut zu bekämpfen. Die Regierung von Evo Morales hat viele solche gut gemeinten Absichten. An Gesetzen fehlt es hier nämlich nicht. Aber die Umsetzung durch die lokalen Behörden funktioniert oft nicht, weil niemand die Übersicht darüber hat, was in den Gesetzen steht und wie sie interpretiert werden müssen. Es gibt auch Gesetze, die sich widersprechen oder über die sich Behörden hinwegsetzen, wenn genug Geld in die richtigen Taschen fliesst. Dies lähmt die wirtschaftliche Entwicklung des Landes und schafft ein Klima des Misstrauens. Die Lähmung und Frustration kann auch auf die eigene Arbeit überschwappen. Ich frage mich, wo ich denn hier überhaupt etwas verändern kann oder wer sonst dazu in der Lage ist. In dieser Situation ist es wichtig in Netzwerken zu arbeiten und die vielen Projekte zur Linderung der Armut zu verbinden und so zu stärken. Manchmal habe ich dabei das Gefühl, dass es zwei Arten der Mafia gibt: Eine die dazu dient, für sich möglichst viel Geld zu verdienen und eine andere, die für einen Ausgleich sorgen möchte damit Menschen in guter Lebensqualität zufrieden leben können. Zur guten Lebensqualität hat die Volkszählung in Bolivien durchaus einen Beitrag geleistet. Die Familien haben sich an diesem arbeitsfreien Tag gegenseitig bekocht und wir haben gut gegessen. Die Luft am nächsten Morgen war schon lange nicht mehr so sauber, und ermöglichte einen Blick auf die verschneite Bergkette des Tunari – Censo sei Dank!

Artenvielfalt – Quelle des Reichtums
Kolumne vom Oktober 2012

Pollenanalysen bestätigen, dass die Inkas vor rund 500 Jahren ein Anbausystem in den halbtrockenen Gebieten Boliviens entwickelt haben, das heute ‚Agroforstwirtschaft’ genannt wird. Damit konnten diese Menschen in Zeiten geringerer Niederschläge und steigender Temperaturen rund 30 Millionen Menschen ernähren. Durch die Kolonialisierung der Europäer ist dieses Wissen leider verlorengegangen. Meine Arbeit in Cochababma besteht darin, mit einem bolivianischen Team agroforstwirtschaftliche Systeme bei Kleinbauern in halbtrockenen Klimazonen zu entwickeln und wieder einzuführen. Die Anbaubedingungen in diesen Gebieten sind sehr schwierig, denn die jährliche Niederschlagsmenge beträgt nur 400 – 500 mm (das ist die Hälfte des Niederschlages in der Schweiz) und fällt während kurzer Zeit von Dezember bis Februar. In agroforstwirtschaftlichen Pflanzungen kombinieren wir Äpfel-, Pfirsich-, Zitronen- und andere Fruchtbäume mit einheimischen Begleitbäumen. Zwischen den Baumreihen wachsen Mais, Kartoffeln, Getreide oder Gemüse. Die Begleitbäume schützen die Fruchtbäume und die einjährigen Kulturen vor Hitze, Austrocknung, Wind oder Frost. Die Begleitbäume sind Akazien, Kakteen oder Futterbäume, deren Laub gleichzeitig als Tierfutter verwendet werden kann. Die meisten Begleitbäume sind Stickstofffabriken, weil sie den Stickstoff aus der Luft binden und so für andere Pflanzen nutzbar machen können. Viele einheimische Baumarten können auch Wasser speichern. In der Trockenzeit geben diese Pflanzen das Wasser an die Fruchtbäume ab, so dass diese die Dürrezeit besser überstehen. Mit dieser Artenvielfalt kommen die Kleinbauern ohne Spritzmittel aus und können so ihre Nahrungsgrundlage verbessern. Genau so, wie es die Inkas vor den Europäern auch schon gemacht haben.

In der Begegnung mit den Bolivianerinnen und Bolivianern realisiere ich, dass es höchste Zeit ist, das auszuprobieren, was uns die Pflanzen vormachen. Ich jedenfalls wäre ohne die Hilfe meiner bolivianischen Compañeros ziemlich verloren. Als blonder blauäugiger Schweizer bin ich sogar in der Nacht auf den ersten Blick als Gringo erkennbar. Wie gut, dass mich die Bolivianer nicht gleich als Kokaindealer oder Ausbeuter abstempeln, sondern sehr hilfsbereit und freundlich sind. Das Leben wird dadurch vielfältiger und zu einer ungeheuren Bereicherung. Es braucht nichts als unsere offenen Herzen, damit wir das Fremde und Unbekannte als Reichtum und Entwicklung erkennen.

Bergbauern braucht das Land!
Kolumne vom September 2012

Wie wichtig Bergbauern für die Lebensqualität im Talgebiet sind, ist in Cochabamba offensichtlich. Cochabamba liegt in einer fruchtbaren Hochebene auf 2’600 m.ü.M. und ist umgeben von Bergketten, die bis 5’000 m.ü.M ragen. Fast wie in der Schweiz werden Sie denken – mit dem Unterschied, dass die Berghänge kahl sind. Dies hat fatale Folgen. In der Regenzeit wird die Humusschicht weggeschwemmt und in der Trockenzeit dörrt der Boden vollständig aus, so dass er steinhart wird. Damit verliert der Boden seine Wasserspeicherfähigkeit. Überschwemmungen im Tal und eine immer schlechter werdende Trinkwasserversorgung sind die Folge. Eine Aufforstung ist nur mit einer geregelten Bewirtschaftung der Weidetiere möglich, weil Schafe, Rinder, Ziegen oder Alpakas die Jungbäume sofort abfressen. Der Mensch, der die Wälder zerstört hat (früher war das ganze andine Hochland bewaldet!) muss hier regulierend eingreifen, Zäune bauen und die Tiere hüten. Damit sich wieder mehr  Bauern in diesen unwirtlich gewordenen Berggebieten niederlassen und nicht in die völlig überbevölkerten Slums der Städte ziehen, braucht es Anreize. Mit Hilfe agroforstwirtschaftlicher Anbausysteme wird eine Grundlage geschaffen, dass Menschen in diesen kargen Regionen leben können. Alles was es dazu braucht, sind Bergbauern, die mit der Natur arbeiten und so zu einer besseren Lebensqualität im Tal beitragen. Angesichts der aktuellen Debatte um die Schweizerische Agrarpolitik scheinen  diese Zusammenhänge nicht mehr allen Akteuren klar zu sein. Wer in Cochabamba lebt merkt rasch, dass saubere Luft, sauberes Trinkwasser und gesunde Nahrungsmittel keine Selbstverständlichkeiten sind, sondern lebensnotwendige Errungenschaften, die der kurzfristigen Profitgier des Menschen abgerungen werden müssen. Wer das Gefühl hat ökologisch wirtschaftende Bauern zählen Schmetterlinge hat dies vergessen. Wer die Selbstversorgung der Schweiz mit Nahrungsmitteln anheben möchte, sollte sich dringend darüber Gedanken machen, wie viel Soja für die Milchproduktion in der Schweiz von Brasilien oder Bolivien importiert wird. Denn die Sojabohne wird von einer agroindustriellen Landwirtschaft produziert, die die Flächen durch Rodung der Wälder gewonnen hat und vielen Kleinproduzenten eine Entwicklung verunmöglicht.

Auf der Durchreise

Kolumne vom August 2012

Zwei Koffer, ein Rucksack,  und ich stehen an der Bushaltestelle von Hilfikon. Pünktlich kommt der Bus,  der mich nach Wohlen bringt. ‚In Zukunft werde ich mich wohl auf etwas anderes einstellen müssen’, geht es mir durch den Kopf. In der intensiven Vorbereitungszeit mit INTERTEAM wurde ich immer wieder mit dem Zeitverständnis einer anderen Kultur konfrontiert, das uns Pünktlichkeitsfanatiker zur Weissglut bringen wird. Doch zunächst stellt sich ein befreiendes Gefühl ein. In zwei Koffern und einem Rucksack ist alles gelagert, was ich für die nächsten drei Jahre als nötig erachte. Der Rest ist verkauft, verliehen, eingelagert, verschenkt oder entsorgt. Der Haushalt ist aufgelöst, alle Verpflichtungen erledigt, Steuern und Rechnungen bezahlt. Die Versprechungen von ‚Simplify your life’ bewahrheiten sich tatsächlich: Es ist ein Gefühl, als stände man mit beiden Beinen schon im Himmel. Doch meine Destination heisst Cochabamba, Bolivien. Und da wird er schnell wieder auf dem Boden der Realität landen, werden Sie denken. Das wird sicher so sein, und ich werde es Ihnen nicht vorenthalten. Aber jetzt geniesse ich das Gefühl der Freiheit. Sie stellt das Leben in einen grösseren, weiteren Zusammenhang. Natürlich geniesse auch ich die Annehmlichkeiten des materiellen Reichtums. Doch manchmal habe ich das Gefühl, als sei dies wie ein Vorhang, der uns die Sicht auf das wirkliche Leben verschleiert. Vielleicht kennen Sie die Geschichte eines Reisenden, der einen Freund besuchte, der in einer Hütte aus nur einem einzigen Raum lebte. Ausser einem Tisch und einer Bank besass der Freund keine weiteren Möbel. Der Reisende fragte seinen Freund: ‚Hey wo sind denn deine Möbel?’ ‚Wo sind denn deine?’ fragte der Freund zurück. ‚Ich habe doch keine Möbel dabei, meinte der Reisende überrascht – ich bin doch nur auf der Durchreise!’ ‚Ich auch’, antwortete der Freund.

Tatsächlich, wir sind alle auf einer Reise, und ich versichere Ihnen, mit leichtem Gepäck reist es sich leichter. Und ich freue mich, dass Sie auch dabei sind.

 

 

6 Antworten zu Kolumnen

  1. Meinrad Brunner schreibt:

    Wirklich schön geschrieben lieber Bruder aber wie viel Bauern arbeiten wirklich mit, bei solchen Flächen müssten doch viel mehr mitmachen um eine Veränderung herbei zu führen.
    Liebe Grüsse
    Meinrad

    • Lieber Meinrad

      Allerdings, vor allem wenn man bedenkt, dass in Bolivien jährlich eine Fläche von 250’000 ha Wald gerodet (das ist die Fläche des Kantons Aargau und Uri zusammen) und in landwirtschaftliche Produktionsfläche bspw. für Soja umgewandelt wird. Ein Verzicht auf ein paar Steaks, die mit importiertem Kraftfutter produziert wurden, könnte also auch ein paar Bäume retten.
      Es gibt in der Region von Cochabamba verschiedene Initiativen, die mit Agroforstwirtschaft versuchen, den völlig erodierten Boden wieder aufzubauen. Wir von ECO-SAF vernetzen diese Initiativen miteinander, stärken sie und breiten sie weiter aus. In der Gemeinde Tarata und Vinto arbeiten wir in eigenen Projekten mit Bauern zusammen. Die Methode besteht darin, dass wir motivierte und wichtige Bauern oder Bäuerinnen auswählen und sie im Aufbau ihrer eigenen Agroforstsysteme schulen und beraten. Diese Bauern werden dann im weiteren Verlauf des Projekts als Multiplikatoren in ihrer Gemeinde eingesetzt, in dem sie ihre Nachbarn von der neunen Anbauweise überzeugen. In der Gemeinde Vinto sind es vor allem Bäuerinnen, die sich um die Pflanzung und Pflege der Bäume bemühen.
      Leider ist der Staat in Bolivien viel zu schwach, um die Abholzung der Regenwälder in den Departamenten Santa Cruz und Beni zu stoppen. Es gibt zwar ein fortschrittliches Gesetz (ley de la Madre Tierra), aber die Umsetzung happert und die Korruption ist ein wichtiger Wirtschaftszweig …
      Das ist leider die Realität – aber wenn viele kleine Menschen, an vielen kleinen Orten viele kleine Dinge tun, kann sich das Gesicht der Welt verändern … oder anders gesagt: ‚Kleine Ursachen können grosse Wirkungen haben‘ wie Edward Lorenz mit seiner Chaostheorie und dem Schmetterlingseffekt herausfand. Versuchen wir also jeden Tag Dinge zu tun, die im Einklang stehen mit den Gesetzmässigkeiten der Natur. Das ist in Bolivien gar nicht so einfach und beginnt am Morgen schon im baño oder bei der Abfallentsorgung …

  2. Kurt Leuppi schreibt:

    Hallo Johannes
    im Wohleranzeiger habe ich heute deine Kolumne gelesen und hatte das Gefühl, neben Dir am Schalter zu stehen. Ein grosses Kompliment für dein Schreiben und Wirken. Viel Kraft und freudige Erlebnisse wünscht Dir von Herzen.
    Dein Freund aus der Jugendzeit.
    Kurt Leuppi

  3. Isabell Dittmar schreibt:

    Lieber Johannes,
    Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!!!! Das was Du schreibst und tust ist sehr bereichernd, auch für uns ‚daheim gebliebene‘, vielen Dank dafür!!!
    Herzliche Grüsse, Isabell

  4. Andrea schreibt:

    Wow, sooo ein interessanter Blog, herzlichen Dank. Ich habe schon einmal 5 Monate in Cbba gelebt und lieb(t)e das Leben dort. Einige der Themen wecken wieder so viele Gedankengänge und die ganze Faszination für dieses Land: Die ganze Koka-Geschichte, die so breiten Bevölkerungsschichten Einkommen oder einen Einkommenszustupf gibt, aber auf der anderen Seite Umweltschäden, Gewalt und politische Spannungen verursacht. Oder das Thema mit dem Soja (mein Chef in Cbba hatte eine Futtermühle in der Region St. Cruz)… oder die Rohstofffirmen (bei Soja und Glencore wird wieder einmal die Verantwortung von uns Konsumenten für Auswirkungen in anderen Erdteilen deutlich ). Die faszinierende bolivianische Kultur, die Feste (Ferias), die Musik und dass man der Pachamama danke sagt 😉 . Ich wünsche viel Erfolg und Freunde bei der Arbeit und mit den companeros productores !

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